Was bleibt? Mutter in der Theorie versus Praxis.

Vor einem Jahr war ich in der 27. Woche schwanger. Und ich hatte konkrete „moderne“ Vorstellungen von unserer Elternschaft. Das Mutterwerden hat so einiges davon auf den Kopf gestellt. Zeit für eine Gegenüberstellung von Plan und Realität.

Check: Einzigartige Entwicklung

Ja, es ist wirklich einzigartig, unserem Wurm bei seinen täglichen Entwicklungen zu bewundern. Der Ehrgeiz – der verständlicherweise zuweilen in Wut und Verzweiflung übergeht – eine Rassel in den Händen halten zu können, endlich krabbeln zu können oder derzeit die Füße endlich gehend benutzen zu können steht sinnbildlich für den immensen Lerndrang und Willen der kleinen Wesen. Es wird so lange probiert, bis etwas klappt. Und dann geht es direkt weiter, denn nicht nur Krabbeln sondern auch Sitzen ist mit diesem Körper möglich 😉

Schlafmangel? Selten!

Der permanente Lernwille macht Wurm und Mama müde. Aber dass ich vor Müdigkeit umfalle wie befürchtet, das fühlt(e) sich dann doch eher selten so an. Klar, ab und zu, wenn der Tag um 5:40 beginnt, fühle mich erschlagen; im Schnitt landen wir bei 6:30/7:00 Uhr, Ausreißer um 8:00 Uhr nicht ausgeschlossen. Aber nach ein paar Minuten geht es – anfangs sogar immer ohne Kaffee, seit einigen Wochen nicht mehr :-). Ab und zu laufe ich durch zu viel Kaffee jedoch Gefahr,  für mehrere Stunden zu sehr am Rad zu drehen. Daher versuche ich mittlerweile wieder statt Kaffee mich ab und zu tagsüber mit schlafen zu legen, wenn ich (noch) nicht unterwegs bin.

Dass ich selten super müde bin liegt ganz sicher auch am Familienbett und dem gemütlichen Stillen im Liegen – mittlerweile mit nur noch minimalen Schlafunterbrechungen (mein Harndrang ist diesbezüglich weitaus „störender“, als Brustwechsel oder Andocken lassen). Es hat ein wenig gedauert, bis sich alles einspielt hat. Ich erinnere mich noch an die Zeiten des Nachtlichts, damit Wurm und Nippel sich finden. An die Zeiten, als ich noch sitzend im Bett stillte. Als es noch 45 Minuten dauerte und ich meine Augen kaum noch aufhalten konnte. Alles Geschichte. Mittlerweile haben wir unser Familienbett von 1,80 auf 2,60 Meter erweitert. Platz genug für unsere kleine Familie so lange wie wir alle Lust drauf haben.

Fast nur Rolle als Mutter – Entschuldigung, aber was gibt’s Schöneres? Mutter in Gemeinschaft!

Ja, es war und ist oft noch eine Herausforderung, diese Umstellung auf das Muttersein. Denn es ist allumfassend. Es erfasst mich so komplett wie bisher nichts in meinem Leben – weil ich mich komplett drauf einlasse und es zulasse. Und ich finde es wunderbar.

Man bekommt oft gesagt, dass Kinder das eigene Leben verändern. Oftmals wird dabei fast nur auf die Alltagsveränderungen fokussiert: Weniger Schlaf, wenig Freizeit, mehr Haushalt, weniger Geld, mehr Stress. Stimmt alles. Aber bei dieser Negativaufzählung fehlt das für mich Entscheidende und unbestreitbar Positivste überhaupt: Ein Kind lässt einen vieles relativieren und schärft den eigenen Blick für das was zählt. Und das ist Zeit mit Familie und Freunden: Zeit in Gemeinschaft. Das erfüllt mich mit Freude und auch mit einer Komplettheit. Deswegen auch ist es in den letzten Monaten hier sehr ruhig geworden. Denn mit einigen anderen Frauen sitze ich derzeit zusammen, uns ein kleines afrikanisches Dorf in Chemnitz aufzubauen. Einen Ort der Begegnung und Wertschätzung, einen Ort, an dem alle, denen bedürfnisorientierte Beziehung zu ihrem Kind wichtig ist, eine Familiengemeinschaft finden, die füreinander da ist, gemeinsam anbaut, kocht, töpfert und aneinander und zusammen wächst. Nun haben wir den ersten Grundstein dafür gelegt und unseren Verein „In Gemeinschaft wachsen e.V.“ gegründet. Klingt für Viele sicher nach Idealismus, Spinnerei und Realitätsferne. Aber was ist es, das bleibt? Zeit und Glück miteinander zu teilen. Lohnarbeit reduziert zu einem gruselig hohen Anteil diese Möglichkeit. Deswegen bezeichne ich Teilzeitjobs nun nicht mehr als Fallen, die ausschließlich für Mütter aufgestellt sind, sondern als Kompromiss, den man in der kapitalistischen Gesellschaft machen kann, um mehr Zeit für das eigene Leben zu haben.

Bedürfnisorientiertheit schließt mich mit ein

Auch Eltern haben Bedürfnisse, die es zu berücksichtigen gilt, denn ohne glückliche Eltern gibt’s auch keine glücklichen Kinder, sondern sogar depressive Verstimmungen (Vgl. Susanne Mierau, Geborgen Wachsen. Wie Kinder glücklich groß werden, 3. Aufl., München 2016, S. 149f.). Das schrieb ich vor über einem Jahr und sehe es noch immer genauso.
Ich achte auf meine Bedürfnisse und finde es sehr wichtig, Dinge für sich machen zu können. Ich nutze mittlerweile oft ein-zwei Abendstunden für mich, wenn unser Wurm schon schläft. Ich lese, schreibe, bearbeite Fotos, betreibe Vereinsarbeit.
Etwas Sport treibe ich auch, aber nicht für mehrere Stunden mit Abpumpen. Dann doch lieber zu Hause Yoga oder Kurzhanteltraining während unser Wurm schläft oder Thomas mit ihm spazieren ist oder spielt. Durch einen schwierigen Stillstart ist Abpumpen bei mir negativ besetzt, insbesondere aber das Fläschchen. Daher gibt es bei uns seit Woche 4 nur Tittenhausen und seit Sommer noch leckere Sachen beim gemeinsamen Essen. Zum Babyschwimmen sind Wurm mit Papa nicht gegangen, einfach weil wir keine Lust auf feste Zeiten hatten. Stattdessen wurde in Gartenpools bei Freunden, Freibädern oder Seen geplanscht.

Mutter in der Praxis

Ich war gespannt darauf, inwiefern ich die theoretischen Fußstapfen meiner Vorstellungen als Mutter ausfüllen werde. Vieles lebe ich anders als angenommen, Perspektiven haben sich geändert. Ich habe mir quasi einen anderen Schuh angezogen, der demzufolge auch einen anderen Schuhabdruck hat. Deswegen verurteile ich mich aber nicht. Meine Werte haben sich verschoben und das fühlt sich gut an. Diese neuen Werte sorgen dafür, mir oft die Frage zu stellen, „Brauche ich das wirklich?“ oder „Was macht mich wirklich glücklich?“. Mein reines, gesellschaftlich noch nicht angepasstes, lernendes Kind im Hier und Jetzt stellt für mich eigene Strukturen, Normen und Materialismus in Frage. All das hat Auswirkungen auf mich und meine Mitmenschen. Zuweilen ist das sehr schmerzhaft, da ich feststelle, welche Defizite ich in meine Elternschaft reinbringe und welche Beziehungen weniger kompatibel mit meinen neuen Lebenseinstellungen sind. Damit umzugehen, ist herausfordernd, aber so pur.

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