Ja, wir stillen überall!

Stillen ist natürlich. Aber nicht unterwegs in der Öffentlichkeit. Das Kind müsse warten, bis man zu Hause sei. Dann solle es halt mal Schreien. Diese überholten Ansichten werden nachwievor gehegt und wurden so einer jungen Chemnitzer Mutter entgegnet. Selbst in den eigenen Familien werden Mütter mit ablehnenden Einstellungen zum Stillen, insbesondere zum Langzeitstillen, konfrontiert.

Oft liegt es daran, dass dem Stillen vom Außenstehenden etwas Sexuelles zu Grunde gelegt wird. Dabei ist die Brust zum Stillen da, ist Nahrungsaufnahme für das Kind. Zum Sexobjekt hat sie der Mensch konstruiert. Mit Brüsten wird in den Medien wenig gespart. Sobald sich jedoch ein Kinderkopf hinzu gesellt, sollen die Brüste dann doch bitte zu Hause oder auf einer öffentlichen Toilette ausgepackt werden.

Unsichere Frauen oder Frauen, die zum ersten Mal stillen, werden so weiter verunsichert, richten gar ihren Alltag mitsamt ihren Outdoor-Aktivitäten nach dem Stillen und schränken sich so mitunter dermaßen ein. Nicht jede Frau hat dickes Fell gegen doofe Sprüche. Schon gar nicht wenn sie stillt, denn durch das viele Prolaktin sind wir Frauen einfach „weicher“.

Ich habe darüber nachgedacht, ob ich jemanden einschränke, wenn ich unterwegs stille. Außer dem kleinen Fleck Erde, den ich im Moment des Stillens benötige, können alle weiteren Menschen um mich herum das machen, was sie wollen. Shoppen, Quatschen, mich und mein Kind anstarren, Kaffee trinken, meinetwegen auch Tuscheln und selbstverständlich essen. So wie das Kind an der Brust. Wir tuen damit niemandem weh.

In mir wuchs die Idee, ein Fotoprojekt zu starten, um für das Stillen in der Öffentlichkeit als etwas Normales zu sensibilisieren. Und es soll Frauen ermutigen, das Stillen uneingeschränkt in ihren Alltag zu integrieren. Denn woher sollen wir es lernen, wenn wir es nicht sehen, fragt zu Recht auch Susanne Mierau.

Ich habe mich in den letzten Wochen mit Frauen aus Chemnitz und Umgebung an verschiedenen Chemnitzer Orten getroffen, die sowohl ausschließlich positive Erfahrungen gesammelt aber auch teilweise ablehnende Sprüche kassiert haben. In den meisten Fällen war es wie ein Blind Date mit dem Ziel, Stillen in der Öffentlichkeit festzuhalten.

Yvonne, 42 Jahre, mit ihrem zweiten Kind Frieda, 4 Monate – Restaurant im Zentrum

Stillen ist für mich das Natürlichste der Welt und ich bin dankbar, dass ich es kann. Ich erlebe dadurch eine wundervolle Zeit mit meinem Baby und das möchte ich in meinem Alltag integrieren und nicht meinen Alltag um das Stillen aufbauen. Da ich nach Bedarf stille, ergeben sich die unterschiedlichsten Orte. Komisch angeschaut? Nein, ich habe bisher noch keine negativen Reaktionen darauf bekommen. Aber vielleicht sehe ich das auch gar nicht, denn ich bin dann ganz bei meiner Tochter.

Freya, 18 Jahre, mit ihrem ersten Kind Linus, 6 Monate – Stadtbibliothek

Ja, das sind wir. Mein Sohn Linus (mit 2. Namen Jonathan) mit seinen frischen 6 Monaten und ich, Freya, mit meinen ebenfalls noch nicht so vielen (18) Jahren. Seit Ende Oktober 2017 sind wir ein gutes Team. Wir hatten einen etwas überstürzten und holprigen Start, aber wir haben uns eingelebt. Dank Gelbsucht und Frühgeburt hatten wir leider ebenfalls keinen so tollen Stillstart. Doch nach ca. 1,5 Monaten abpumpen und dann mit der Flasche füttern, haben wir es geschafft: seit Ende Dezember stillen wir voll und das sogar ohne Hütchen 🙂 Jetzt wird Linus gern und immer überall gestillt, wenn er es braucht. Doofe und fiese Kommentare machen uns nur stärker, liebe Komplimente sowieso. Natürlich gibt es auch anstrengende Momente voller Verzweiflung, aber auch die meistern wir gemeinsam mit der Unterstützung von Papa und Freunden.

Anna, 22 Jahre, mit ihrem ersten Kind Theo, 21 Monate – Querbeet (Soziokulturelles Zentrum)

Wenn ich über das Stillen nachdenke, durchdringt mich ein Gefühl der tiefen Verbundenheit und Liebe. Dieses Gefühl lässt sich beschreiben als eine im Herzen spürbare innige Bindung zu meinem Baby, aber auch zu mir selbst und zu der magischen Kraft meines Körpers. Wenn wir stillen spüre ich meine vollkommene, weibliche Kraft, die es mir ermöglicht mein Kind zu nähren und uns gleichzeitig beidseitig eine so starke Kraft der Geborgenheit und Liebe zu erschaffen. Es ist für mich jedes Mal ein neues Staunen über das Wunder und die Kraft, die durch und mit dem Stillen einhergeht – unbeschreiblich wunderschön bin ich so dankbar, uns gemeinsam auf diesen erstmals unbekannten Weg begeben zu haben, von dem wir trotz anfänglicher Herausforderung noch nicht abkommen. Wenn wir stillen, dann gibt es nur den Moment und ich freue mich über jede einzelne Begegnung, die diesen natürlichen und kraftvollen Moment mitbekommen darf. Stillen ist für mich Liebe – Stillen ist für mich Natur und Stillen soll/darf/MUSS öffentlich stattfinden, weil mein Kind es wert ist, egal wo wir sind, meine Kraft, Liebe und Nähe in Form des Stillens zu bekommen, wenn es sie braucht.

Maria, 34 Jahre, mit ihrem dritten Kind Ida, 12 Monate – Schlossteich

Ich sitze also hier und zerbreche mir den Kopf darüber, was ich der Welt zum Stillen sagen möchte und mir fällt nix dazu ein. Und das obwohl ich mein drittes Kind stille, sämtliche Stillprobleme hatte und ein Kind mit der Diagnose „Saugschwäche“ gestillt habe. Die Natur hat es gerichtet, so soll es sein. Das Stillen ist für uns trotz aller anfänglichen Widrigkeiten so selbstverständlich, das ich mir nicht den Kopf darüber zerbreche ob, wann, wie oft oder wie lang… es ist eines der wenigen Dinge die uns geblieben sind vom Ursprung…

Jennifer, 30 Jahre, mit ihrem dritten Kind, 7 Wochen – Küchwald

Was bedeutet Stillen für mich – abgesehen von dem Gesundheitsaspekt für mein Kind und mich? Es ist schwer zu sagen, aber es ist ein erfüllendes Gefühl, dem eigenen Kind die bestmögliche Nahrung geben zu können und es ist so viel mehr. Die Nähe, die dabei entsteht, das Vertrauen, die Interaktion mit dem Kind während des Stillens oder wenn einen das Kind selig angrinst, wenn es genau weiß, nun kann es stillen… Ganz einfach die Liebe, die zu spüren ist!

Leider habe ich auch schon Negatives erlebt beim Stillen in der Öffentlichkeit, aber warum darf ein Baby oder Kind seine Bedürfnis nach Hunger, Durst und Nähe nicht wie auch jeder andere dann stillen dürfen, wenn diese Bedürfnisse da sind? Jeder andere isst und trinkt auch, wenn er Hunger und Durst hat oder umarmt den Partner, Freunde oder seine Kinder, nimmt die Hand etc., um dem Bedürfnis nach Nähe nachzukommen, also warum sollte ein Baby oder Kleinkind nicht stillen?

Wir Stillen beim Einkaufen an der Kasse im Tragetuch, warum auch nicht?! Das ist nun in ihren 7 Lebenswochen genau zwei Mal vorgekommen – jeweils wurde das das vollkommen unterschiedlich aufgenommen.

Mit gelockertem Tragetuch stehe ich stillend an der Kasse, um nichts aufzuhalten. Leider wurden die geflüsterten Kommentare immer lauter und feindlicher: Wie kann man bloß barfuss laufen – noch eine weitere Komponente, die an mir in diesem Moment bewertet wurde. Sein Baby im Tuch tragen? In der Öffentlichkeit stillen? Es ist traurig. Erst blöde Reaktion darauf, dass ein Baby kurz weint und dann gibt frau dem Baby was es braucht und wird dafür regelrecht verteufelt. Der „netteste“ Kommentar war noch: „Schon wieder so eine neumoderne Ökomama“, alles andere war ziemlich herablassend. Aber was ist an Stillen bitte neumodern? Ich bin gar nicht drauf eingegangen und habe weiter gemacht, wie es für uns passt. Von sowas lassen wir uns nicht beirren, haben und werden es auch nie. Es beeinflusst meine Einstellung zum Stillen nicht, aber traurig finde ich es dennoch.

Beim anderen Mal wurde ich positiv überrascht, was mich wirklich glücklich gemacht hat. Eine ältere Dame ging mir hinterher, um mir zu sagen, wie schön sie es fände, dass ich mein Kind trage und es bei Bedarf stille, egal wann und wo. So lieb diese Worte! Danke!!!

Antonia, 31 Jahre, mit ihrem ersten Kind, 15 Monate – Familiencafé Krümel

Nachdem die Geburt nicht direkt wunschgemäß verlaufen ist, war ich mehr als erleichtert, dass zumindest das Stillen von Anfang an wie am Schnürchen klappte. Und selbst nach 15 Monaten ist es nach wie vor unsere Auszeit, unser Innehalten, unsere Extrakuscheleinheit, unser Auftanken vom Alltag. Es ist Trost, Nähe, Verbundenheit, Nahrung, Liebe und Entspannung. Ich finde es daher sehr traurig, wenn ich Geschichten von anderen Müttern höre, wie sie von anderen Leuten verbal ,,angegriffen“ werden, wenn sie ihre Kinder in der Öffentlichkeit stillen. Glücklicherweise ist mir nie so etwas passiert. Durch besagte Geschichten musste ich mir allerdings erst einmal ein gewisses Selbstvertrauen erarbeiten. Am Anfang habe ich daher noch versucht möglichst in stillen Ecken und ganz verdeckt zu stillen, heute sage ich mir ,,mein Kind möchte stillen, wenn du ein Problem damit hast, dann starre doch einfach nicht so vehement hin“.

Karoline, 34 Jahre mit ihrem zweiten Kind Bjarne, 5 Monate – Querbeet (Soziokulturelles Zentrum)

Stillen ist toll.
Stillen ist faszinierend.
Stillen ist ein inniges, liebevolles Band zwischen Mutter und Kind.
Beim Stillen finde ich meinen inneren Frieden und meine Kraftquelle.
Klingt pathetisch – ist aber so.
Denn beim Stillen kann ich total entspannen und bei mir und natürlich bei meinem Kind sein.
Und ich finde es unglaublich, was der weibliche Körper alles leistet um ein Kind zu nähren, mit Muttermilch und ganz viel Liebe.
Aus diesem Grund bin ich dankbar, dass ich auch mein zweites Kind stillen kann.
Meine große Tochter hat sich mit knapp zwei Jahren von einen auf den anderen Tag selbst abgestillt. Da war ich schon etwas traurig…
Bei beiden Kindern hat das Stillen glücklicherweise von Anfang geklappt trotz Kaiserschnittgeburten.
Ganz intuitiv, als hätte ich noch nie etwas anderes gemacht.
Außerdem ist Stillen so praktisch. Ich stille immer und überall.
Wenn das Kind Hunger hat auch in der Möbelaustellung im IKEA.
So wie es sein sollte aber leider nicht immer ist.
Negative Kommentare sind mit bisher erspart geblieben aber die Blicke mancher Leute… ohne Worte.
Deshalb ermutige ich jede stillende Frau auch in der Öffentlichkeit zu stillen denn es ist das Natürlichste auf der Welt!

Larissa, 33 Jahre, mit ihrem ersten Kind Hannes, 4 Monate – Küchwald und 5 Monate – Rathausplatz

Weit weg erscheinen mir die anfänglichen Schwierigkeiten. Nach einer mehr als unnatürlichen Geburt gelang das Stillen nur Dank eines Stillhütchens (hieß es im Krankenhaus). Zum Glück konnte ich mittels YouTube und einer ambitionierten Hebamme Erfahrung sammeln und so nach 3 Wochen auf diesen ‚Monsternippel‘ verzichten. Mittlerweile ist unsere Still-Beziehung so selbstverständlich, dass wir es im Halbschlaf machen und natürlich überall.

Negatives Feedback kann ich an einer Hand abzählen, das Positive überwiegt ganz klar… Lächelnde Omas, interessierte Kinder mit erklärenden Müttern… Aber meist nehme ich nichts um uns wahr. Als ob nur wir existieren. Was ich neben, klar, Ernährung, Nähe, Sicherheit, Bindung, blablabla nicht missen möchte, sind seine Riesenaugen, die meinen Blickkontakt suchen oder interessiert Rumglotzen, sein Lachen, wenn ich wieder Faxen mache, sein weit aufgerissener Krokodilsmund, wenn er hektisch meinen Nippel sucht, sein genüssliches Schmatzen, wenn er das ‚Andock-Abdock-Spiel‘ spielt und und und… Eine Interaktion, die so besonders ist und nur uns gehört. Ob ich weinen muss, wenn sie irgendwann endet?

Romy, 26 Jahre, mit ihrem ersten Kind Kjell, 13 Monate – Schlossteich

Schon in der Schwangerschaft stand für mich fest, dass ich mein Kind um jeden Preis stillen möchte – Aufgeben wäre einfach keine Option. Zu gern wollte ich diese tolle Erfahrung der Nähe und der besonderen Verbindung erfahren. Leider hatten wir einen holprigen Start was das Stillen betraf, aber wir haben uns durchgebissen und dank der Stillambulanz und unserer Hebammen haben wir das gut gemeistert. Und nun stillen wir schon über 13 Monate! Es ist einfach wunderbar, ich genieße unsere kleinen Momente und die Nähe zu ihm. Bisher haben wir auch nur positive Reaktionen erfahren dürfen. Ebenso ist es wunderbar, dass er mir nun zeigen kann wenn er an die Brust möchte, darum stillen wir auch weiterhin überall und jederzeit. Meist lächelt er bevor er trinkt, das ist doch das schönste Geschenk überhaupt und zeigt uns, wie sehr es die Kinder brauchen und auch genießen!

Ich, Mathilde, 33 Jahre, mit meinem ersten Kind, 3 Monate – Niklasberg und Braunsdorf

Für mich war klar, dass ich Stillen wollte. Einfach weil es natürlich und dadurch logischerweise gut für Mutter und Kind ist. Ich vertraute auf die Intuition, aber ohne Vorbilder zum Lernen war es doch nicht so einfach. Aber schlussendlich machbar. Nach ein paar Wochen konnte ich voll stillen. Und es hat mich unendlich glücklich gemacht. Und auch jetzt bin ich so froh darüber, dass ich mich nun auf die Vertrautheit und Innigkeit voll einlassen kann. Und zwar ganz egal wann und wo. Ich stille nach Bedarf. Und wenn ich dabei im Café oder im Laden gelandet bin, ist das so. Irritierte und echauffierte Blicke habe ich bereits wahrgenommen. Die Bitte nicht in familiärer Gemeinschaft zu Stillen war bisher meine erste und bis dato auch unschönste Erfahrung. Das war letztlich auch der Impuls für mein Foto-Projekt. Wenn ich in der Öffentlichkeit stille, dann doch erst Recht in bekannter Gemeinschaft.

Dieser Beitrag soll – das ist mein Wunsch – mit weiteren Fotos von in der Öffentlichkeit stillender Frauen kontinuierlich ergänzt werden. Frauen aus Chemnitz und Umgebung können sich daher jederzeit bei mir melden für ein Treffen – ich freue mich auf euch!

Folge mir gern auch auf Instagram (@wanderfamilie.blog) und auf Facebook.

5 Kommentare zu „Ja, wir stillen überall!

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  1. Hallo Mathilde, was für ein schönes Projekt!! Lasst doch bitte all die Mamis in Ruhe – in Ruhe stillen oder nicht stillen, in Ruhe entscheiden, ob sie Kind und Karriere vereinen wollen oder eben nicht, ob sie natürlich oder per Kaiserschnitt gebären wollen, im Krankenhaus oder zu Hause. Ich finde es schlimm, wie viel den Mamas in diesen privaten Bereich reingeredet wird. Ein jeder meint es besser zu wissen. Lieben Dank auch an die Mamas, die sich von dir in diesem intimen Moment haben ablichten lassen. Tolle Fotos sind das geworden. ❤️ Liebe Grüße, Anja

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    1. Liebe Anja, genau so ist es! All das sind private Entscheidungen, jede Frau sollte Stillen, Flasche geben, wickeln, gebären wo sie will bzw. das Baby/Kind es braucht. Und das sollte einfach wertungsfrei bleiben.
      Danke für dein liebes Feedback. Ich bin sehr dankbar für die Offenheit der fotografierten Frauen – ohne euch gebe es das Projekt schließlich nicht ❤
      Liebe Grüße zurück, Mathilde

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    1. Richtige Devise 💪 Die Spanner haben zumindest mit den Leuten, die das nicht sehen wollen wieder eines gemeinsam: Die ausschließlich sexuell zugeschriebene Rolle der Brust. Beide Fälle sind unangenehm 😕

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