Mein Wochenbett in der Höhle

Ich hatte mir mein Wochenbett nicht so lang vorgestellt. Und nicht so eingeschränkt. Vor allem aber nicht mit Rausgehverbot. Nun ja, ich hatte es mir auch ohne Komplikationen gewünscht. Nun liege ich mit schwacher Beckenbodenmuskulatur seit fast sechs Wochen mit unserem Wurm im Bett oder auf der Couch. Den Chemnitzer Küchwald vor der Nase. Es liegen vier Etagen und 200 Meter zwischen uns. Eigentlich ein Katzensprung.

Springen werde ich erstmal eine ganze Weile nicht mehr. Joggen auch nicht. Mir reicht erstmal ein kleiner Spaziergang an der frischen Luft. Bisher stehe ich täglich am offenen Fenster und sauge die Frischluft in mich ein, als wäre sie nur begrenzt verfügbar. Da ist es auch egal, dass sich Abgasluft mit Döner- und Pizzageruch vermengt.

Ich mag unsere Wohnung sehr. Aber ich bin es nicht gewöhnt, mich über mehrere Wochen auf 60 Quadratmetern zu bewegen. Und schon gar nicht, nachdem ich bereits vor der Geburt bauchbedingt nur kurz draußen unterwegs war. Außerdem durfte ich mich zunächst auch nur zwischen Bett/Couch und Toilette bewegen. Mein Gott, fehlt mir mein täglicher Ausgang.

Ich frage mich, wie ich das schon so lange ausgehalten habe, dieses Leben wie in einer Höhle. Wie die Zeit dann doch so schnell vergangen ist. Es liegt natürlich an unserem neuen Lebensprogramm inklusive neuem Zeitgefühl und anderen Prioritäten. Unser Wurm ist unser neues Netflix. Und das sogar 24/7, ganz ohne schlechtes Gewissen. Jeder Tag vergeht wie im Flug, immer wieder aufs Neue. Und dennoch nicht schnell genug in Bezug auf meine Genesung. Ich will endlich wieder raus und zwar mit Wurm. Ich habe so viel Energie. Schon wenige Stunden nach der Geburt fühlte ich mich ziemlich fit, weshalb wir uns am selben Tag schon aus dem Krankenhaus entlassen hatten.

Meine Energie wird immer mehr, meine Geduld ist nicht mehr vorhanden, aber zumindest meine Vernunft. So entschied ich mich vergangenes Wochenende bei unverschämten Sonnenschein dazu, meine Höhle ganz kurz zu verlassen. Im zweiten Anlauf war unser Wurm bei Thomas im Half-Buckle zufrieden eingeschlafen, so dass wir los konnten. Ich schwebte langsam unser Treppenhaus hinab, voller Vorfreude aber auch etwas angstvoll.

In der Außenwelt angekommen genoss ich die kalte Luft und alsbald auch meine kalten Wangen. Wir gingen ganz langsam ein kurzes Stück in unserer Straße entlang. Die Sonne schien uns ins Gesicht. Es fühlte sich toll an. Am Liebsten wäre ich gar nicht mehr umgekehrt, aber natürlich spürte ich trotz angespannten und hochgezogenen Beckenbodens den selbigen. Nicht zuletzt auch, weil mich die körperliche Anspannung mental schwer abschalten ließ. Körperlich nicht loslassen zu dürfen und mental nicht loslassen zu können war eine neue Situation für mich. Aber das war gut so, denn dieser Umstand aktivierte die noch vorhandene Vernunft. Die wiederum sorgte nach circa 150 Metern fürs Umdrehen.

Angekommen in meiner Wochenbetthöhle fühlte ich mich sofort ganz sicher und glücklich zugleich über den kleinen Ausflug. Das Training und die Ruhe haben sich kontinuierlich ausgezahlt. Es geht langsam bergauf. Laut meiner Hebamme werde ich spätestens im Sommer nichts mehr merken. Ich würde dann am Liebsten den ganzen Sommer komplett draußen verbringen, um die verlorene Zeit wieder irgendwie aufzuholen. Ich bin auf jeden Fall gespannt, wie lange ich meine dann regelmäßigen Auswärtsgänge schätzen werde. Oft schätzt man Selbstverständlichkeiten bekanntermaßen ja zu wenig. Was ich von unserem Wurm im keinster Weise behaupten kann 😉

6 Kommentare zu „Mein Wochenbett in der Höhle

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  1. Danke für diesen aufrichtigen Bericht. Es gibt viele Studien darüber, dass Frauen im Wochenbett keine körperlichen Einschränkungen erwarten, diese aber häufig und recht einschneidend sind. Falls eine Beckenbodenschwäche in der täglichen Aktivität stark einschränkt und das über eins zwei Wochen hinaus, sollte der Levator ani Muskel, stärkster und tiefster Beckenbodenmuskel, auf Intaktsein mittels Ultraschall untersucht werden und auch eine Atonie der Blase ausgeschlossen werden. Alles kann leicht im Krankenhaus übersehen werden, lässt sich aber alles korrigieren wenn man die Ursache kennt. ❤

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