Still mal. Ohne Erfahrung.

Ich habe dem Stillen locker und entspannt entgegen geblickt und habe es dennoch nicht auf die leichte Schulter genommen. Mein Erfahrungsbericht nach genau einem Monat.

Fehlende Lernquelle


Es braucht ein Dorf, um ein Kind groß zu ziehen. Dieses afrikanische Sprichwort zielt nicht nur auf die gegenseitige selbstverständliche Unterstützung innerhalb eines sozialen Netzes, welches wir heutzutage selten haben, sondern auch auf das Lernen durch „Abgucken“. Oder vielmehr das unbewusste Lernen durch vorgelebten, routinierten Umgang vieler erfahrener „Dorfmitglieder“. Wir wachsen allerdings in der Regel nicht mit Frauen auf, die beispielsweise um uns herum stillen, so dass uns oft die Gewissheit fehlt, wirklich einschätzen zu können, was auf uns als Mutter zukommt. Wenn dann die eigene Mutter selbst nicht gestillt hat – zumal zumindest meine Mutter-Generation in die Zeit fällt als die industriell hergestellte Industrienahrung dem Stillen fast den Rang abgelaufen hatte – oder man keinen Kontakt oder keine Mutter mehr hat, dann fehlt uns Frauen die naheliegendste Lernquelle.


Angst vorm Zerreden


So belief sich meine einzige Still“erfahrung“ auf das punktuelle Beiwohnen beim Stillen zweier Freundinnen, was jedoch schon mehrere Jahre zurückliegt. Bei einer Freundin lief es problemlos, bei der anderen Freundin erinnere ich mich an Stillhütchen, Milchstau und Brustwarzenentzündungen. Also ziemlich konträr. Interessanterweise verspürte ich aber auch nicht das Bedürfnis, übelst viel im Vorfeld über das Stillen zu sprechen. Vielleicht lag es am überwiegend negativen oder angsterfüllten Tenor, der entweder in meinem Umfeld oder beispielsweise in meinem Geburtsvorbereitungskurs herrschte. „Stillen tut immer sehr weh / Stillen muss weh tun.“ „Falls es nicht klappt, habe ich schon Fläschchen und Anfangsmilchpulver gekauft.“ „Sollte man seine Brustwarzen wirklich schon in der Schwangerschaft hart abrubbeln?“ Ja, es würde wohl zu Beginn wehtun, aber nicht immer. Nein, ich würde mich nicht für alle Fälle mit Flaschennahrung eindecken wollen und zwar aus psychologischen Gründen. Und nochmal Nein, ich würde meine Brustwarzen nicht präventiv abhärten, denn Mutter Natur wird die Gewöhnung an die neue Funktion richten. Ich war richtig genervt, denn ich wollte das Stillen im Vorfeld nicht zerredet wissen. Ich wollte die natürliche Form von Füttern, Geborgenheit und Trost spenden auf mich zukommen lassen. Und auf das Zusammenspiel von Mutter und Baby vertrauen. Deswegen war ich genervt, obwohl ich entspannt war. Immer diese Ambivalenzen im Leben.


Breast Crawl


Zurück zum entspannten Part in mir. Von Anfang an wollten wir das Stillen maximalst Mutter Natur überlassen. So lag unser Wurm direkt nach der Geburt bäuchlings auf meinem Bauch und wir gaben ihm Zeit, aus eigener Kraft zu einer meiner Brustwarzen zu krabbeln und sich anzudocken – der sogenannte „Breast Crawl“. Durch den Kontrast zwischen Brustwarze und Haut sowie einem nach Fruchtwasser riechenden Sekret selbiger, wird der Säugling quasi von der Brustwarze mitsamt Muttermilch angezogen. Gepaart mit seinem angeborenen Schreitreflex ist er fähig, sich vom Bauch abzudrücken. Der Säugling erlangt durch seine eigene Anstrengung eine starke Stillkompetenz, die das anschließende Stillen erleichtern soll. Außerdem kann es selbst entscheiden wann es sich nach der Geburt Stillen möchte. Unser Wurm begann sich nach seiner Erholungszeit langsam an mir hochzurobben. Wir wussten, dass wir Zeit hatten im Kreißsaal, da wir die Einzigen auf der Geburtsstation waren. So waren Thomas und ich entspannt. Für den Breast Crawl sollte man mindestens 60-90 Minuten einplanen. Unser Wurm war nach circa 70 Minuten an meiner linken Brust angelangt und probierte eine ganze Weile sich anzudocken. Unsere Beleghebamme half etwas nach, indem sie die Brustwarze etwas günstiger vor seinem Mund formte und dann klappte es. Nach circa 1,5 Stunden trank unser Wurm an meiner Brust. Es zwiebelte und zog zu Beginn unerwartet stark, aber nach einer Weile waren die Anfangsschmerzen verflogen. Ich genoss es und war nun vollends glücklich. Es fühlte sich unbeschreiblich an, zum ersten Mal mein erstes Kind zu stillen und dabei meinen Mann an meiner Seite zu haben. Ein Moment des puren Glücks! 

Baustelle Brustwarzen

Doch so ein einfach war es dann doch nicht. Bei den weiteren Stillmahlzeiten benötigte ich beim Anlegen Hilfe und klingelte daher in unserem Familienzimmer nach einer Schwester. Ich wusste, dass das Baby nicht nur die Brustwarze sondern einen Großteil des Brustwarzenhofes mit seinem Mund umschließen muss. Und auch, dass der Kopf etwas nach hinten gekippt sein muss, damit das Baby nicht nur besser Luft bekommt, sondern damit die Brustwarze den weichen statt den harten Gaumen des Babys berührte. (Als meine theoretische Vorbereitung diente übrigens der Blog Stillkinder und das Buch „Intuitives Stillen“ von Regine Gresens.)

Zwei verschiedene Schwestern drückten meinem Wurm ausschließlich die Brustwarze in den Mund. Auf meinen fragenden Kommentar, dass das doch die Brustwarzen eigentlich stark reizen würde, wurde mir beide Male entgegnet, dass es so schon richtig sei. Ich war skeptisch. Naja, meine alsbald blutigen Brustwarzen sollten mir Recht geben – wenngleich man fairerweise eine gewisse Gewöhnung auch mit einbeziehen muss. Wenn der Wurm das erste Mal zu jeder Stillmahlzeit zog, dachte ich, zu sterben. Es stoch bis ins Gehirn. Aber da fiel mir immer ein, dass das nichts gegen meine Geburtsschmerzen war. Das half. Und mit der Zeit auch die richtige Anlegetechnik mit dem C-Griff außerhalb des Warzenhofes (von wegen nur Brustwarze reinstecken…). Zur Linderung der Schmerzen half die sehr teure Wundsalbe von Lansinoh bedingt, umso mehr die ebenfalls teuren Hydrogel Pads von Medela. Der erste Moment der kühlen Pads glich für mich einem Orgasmus, zumindest stöhnte ich vor Wohlbefinden im Moment des Aufklebens auf die Brust so. Es fühlte sich auch fantastisch an 😉


Baustelle Milcheinschuss

Am dritten Tag nach der Geburt bekam ich abends meinen Pamela-Anderson-Atombusen. Man das sah tatsächlich aus wie Silikon, gruselig. Richtig heiß waren die Dinger auch und sie taten unheimlich weh. So sehr, dass ich das Gefühl hatte, meine Brüste würden platzen. Vielleicht wünschte ich mir das sogar – wenn denn damit das schreckliche Ziehen verschwinden würde. Jeder Schritt, jede Bewegung im Bett war schmerzhaft, da die Brüste höchst sensitiv waren. Ein Waschlappen mit Quark tat unheimlich gut und am Tag fünf war der Milcheinschuss überstanden. Allerdings brachte er noch nicht ausreichend Milch mit sich.

Baustelle Neugeborenengelbsucht und Zufüttern

Unser Wurm hatte Neugeborenengelbsucht, was nicht ungewöhnlich ist. Aber er schied wenig aus, sprich oft waren die Windeln leer. Aber nur auf diesen Weg verabschieden sich die Gelbstoffe aus dem Körper und damit die Notwendigkeit einer Bestrahlung im Krankenhaus. Zudem hatte er sehr stark abgenommen. An Tag sechs meinte unsere Hebamme, dass unser Wurm am nächsten Tag deutlich Besserung zeigen und zunehmen sollte, andernfalls würde sie uns ins Krankenhaus schicken. Wir wogen ab: Stundenlanges Bestrahlen ohne Körperkontakt (neuere, transportable Formen gibt es leider noch selten) im Krankenhaus oder Zufüttern mit Anfangsmilch, um die Ausscheidungen anzukurbeln. Wir entschieden uns für Letzteres. Es offenbarte sich, dass unser Wurm, der in den letzten Tagen viel an der Brust schrie, viel Hunger hatte, den die bisherige Menge der Muttermilch offenbar noch nicht decken konnte. Denn er ballerte zusätzlich zur Brust locker 90ml Anfangsmilch täglich weg. Zu Beginn nutzten wir noch Fläschchen bzw. Thomas. Als Thomas das erste Fläschchen fertig machte und unser Wurm heftig zu trinken begann, brach in mir eine Welt zusammen. Ich konnte das nicht länger mit anschauen und floh mit meinem Schmerz und meinen Tränen ins Schlafzimmer. Nun verstand ich eine Freundin, die auch zufüttern musste vollends in ihrem Gefühl, nicht allein sein Kind mit Nahrung versorgen zu können. Es fühlte sich schrecklich an. Dazu gesellte sich noch die Sorge vor einer Saugverwirrung. Würde unser Wurm noch Lust und Kraft für meine Brust haben? Ich sah nur Schwarz. Und das alles wegen zu viel Gelb.

Industrienahrung als Helfer

Am nächsten Tag nach deutlich mehr vollen Windeln waren wir nervös als unsere Hebamme die Waage zückte. Eine Tendenz nach oben brauchten wir, wenngleich sie meinte, dass das Gelb zurück gegangen sei. 20-30 Gramm mehr könnten realistisch sein. Es waren satte 150 Gramm! Das Zufüttern hatte Wirkung gezeigt. Immerhin. Ich freute mich und versuchte die Industrienahrung mehr und mehr als Helfer zu betrachten, doch es blieb der Stich ins Herz.

Mission Milchförderung

In den nächsten Tagen versuchten wir das Zufüttern zu reduzieren und gleichzeitig meine Milchproduktion anzukurbeln. Ich legte den Wurm permanent an und massierte vorher meine Brüste. Wir besorgten uns ein Brusternährungsset, um nicht nur endlich auf die blöde Flasche verzichten zu können, sondern um beim Zufüttern die Brust zu stimulieren.  Durch eine Milchpumpe konnte ich mein Angebot durch weitere Nachfrage nicht wirklich erhöhen. Ich pumpte mir einen Wolf und es kam fast nichts. Sobald ich aber meinen Wurm anlegen wollte, tropfte es schon en masse. Die Hormone spielten bei mir offenbar eine sehr große Rolle. Die abgepumpte Milchmenge würde daher laut unserer Hebamme auch keine valide Aussage über die tatsächliche Stillmenge machen. Das beruhigte mich.

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Stattdessen bereitete mir Thomas Barley-Water zu, auch bekannt als Baby-Water. Gerstenkörnerseie mit Apfelsaft und Honig sollte milchfördernd sein. Auf jeden Fall schmeckte es lecker. So auch das von meiner Hebamme empfohlene Nahrungsergänzungsmittel piùlatte plus für Stillende. Es schmeckt wie Pfirsich-Eistee, teurer Pfirsich-Eistee. Und dann begann ich noch jeden kostbaren Tropfen Muttermilch in Milchauffangschalen zu sammeln. Positiver Nebeneffekt ist, dass die Brustwarzen gut heilen können, da nichts an sie anstößt. So konnten wir nach etwas mehr als zwei Wochen meine über den Tag gesammelte Muttermilch über das Brusternährungsset zufüttern. Der erste Tag ohne Pre-Milch, das war wunderbar! Denn mittlerweile füttern wir nur noch einmal täglich zu. So langsam beginnt es im wahrsten Sinne des Wortes zu laufen 🙂 

Erst Still- dann Milchprobleme

Einen Monat ist unser Wurm nun alt und mittlerweile kann er sich unter mir liegend stillen, wenn ich im Vierfüßlerstand meine Beckenbodenübungen mache. Und ich habe im seitlichen Stillen im Bett endlich ein System ausgetüftelt, dass es mir in Kombination mit den Schlafhormonen ermöglicht, tatsächlich einzuschlafen! Die Brustwarzen sind mittlerweile wieder ganz und haben sich an ihre intensive neue Daueraufgabe gut gewöhnt. Die Milchproblematik ist noch nicht komplett vom Tisch. Das beschäftigt mich länger als das Stillen “zu erlernen”, das hätte ich nicht gedacht. Aber vielleicht fehlt uns mittlerweile nur noch das Vertrauen, das eine Mal Zufüttern wegzulassen. So vermutet es zumindest unsere Hebamme.

Nachtrag: Nur einen Tag nach Veröffentlichung dieses Beitrags reichte es unserem Wurm, am Abend mit der tagsüber in Milchauffangschalen gesammelten Muttermilch zugefüttert zu werden. Und ein paar weitere Tage später reichte meine Milchbar aus. Es ist ein wunderbares Gefühl, unseren Sohn komplett stillen zu können, wann immer und wo immer er das möchte. Sicher nicht in jedem Fall, aber oft zahlt sich Ausdauer beim Stillen aus.

3 Kommentare zu „Still mal. Ohne Erfahrung.

Gib deinen ab

  1. Liebe Mathilde, Danke für deinen ehrlichen Beitrag zum Thema Stillen. Alles nicht so einfach… Bei unserem großen Muckelchen hatten wir große Startschwierigkeiten und mussten auch zufüttern. Es war das richtige, hat sich aber so falsch angefühlt. Wir haben es auch später nicht auf 100% Muttermilch geschafft. Aber ich dachte mir, lieber ein bisschen Muttermilch und die kostbaren Antikörper als gar keine. Jeder Tropfen Muttermilch bringt etwas und der Rest wird halt zugefüttert. Nach vier Monaten habe ich jedoch ganz aufgegeben. Häufig wurde ich dann gefragt: Was, du stillst nicht? Häufig von anderen frisch gebackenen Mamis. Wirklich ein hoch sensibles Thema und oft klappt es nicht, nicht gut oder erst nach Wochen des Kämpfens. Der Weg, den jede einzelne Mami für sich und ihr Baby wählt, ist der richtige. Wenn es mit dem Stillen klappt – gut. Wenn nicht – auch gut. Dem großen Muckelchen hat es jedenfalls nicht geschadet. 😉 Das kleine Muckelchen lässt sich ganz ohne Probleme stillen – von Anfang an. Klar, es gab Wunde Brustwarzen&Co, aber ich war so dankbar. So hat es mich auch ein wenig mit mir selbst versöhnt, da es beim ersten Mal nicht klappen wollte. Wir Mamis sollten nicht so hart zu uns und anderen Mamis sein. Den eigenen Weg als Mami zu finden, ist schon schwierig genug. 😊

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    1. Liebe Anja, vielen lieben Dank für dein offenes Feedback. Du hast in mehrerlei Hinsicht absolut Recht: Stillen ist ein absolut sensibles Thema und jede Frau sollte unbelastet selbst entscheiden dürfen. Stillen hat selbstverständlich unzählige Vorteile, einfach weil es der natürlich vorgesehene Vorgang ist. Jeder Tropfen zählt – so lange man es als Frau möchte. Ich wünsche mir für uns Frauen von den Frauen, dass wertoffener und mit wirklichem Interesse gefragt wird, wie und warum man so und so füttert und nicht verurteilend.
      Ich freue mich sehr für dich, dass das Stillen beim kleinen Muckelchen klappt. Wir hatten übrigens gestern den ersten Tag ohne Zufüttern, auch keine Muttermilch💪

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