Mein Geburtsweg

Einen Tag nach Thomas‘ Geburtstag war der errechnete Geburtstermin unseres Wurms: 19.01.2018. Als ich zur Behandlung meiner Gallenblasenentzündungim Chemnitzer Klinikum war, nahm der Oberarzt aufgrund zahlreicher Entwicklungsparameter an, dass unser Wurm ein bis zwei Wochen eher kommen könnte. Und ich wünschte mir sehnlichst, dass er Recht behalten würde, da ich längst bereit war, den Wurm loszulassen.

Fehlalarm

Am 02.01. dachten wir schon, dass es nun soweit sei, aber wir verließen das Krankenhaus mit der Diagnose eines leichten Nierenstaus, der am CTG dennoch für das Anzeigen vermeintlicher Wehen gesorgt hatte. Durch Nierenstau kontrahiert die Gebärmutter und das CTG kann durch die Kontraktionen der Gebärmutter „Wehen“ verzeichnen. Ob es sich dabei um tatsächliche Wehen handelt, muss dezidiert im Einzelfall bewertet werden – vor allem durch Rückkopplung zur Frau. So verzeichneten viele meiner CTGs im Krankenhaus während meiner Antibiose eine „leichte Wehentätigkeit“, die jedoch durch Lachen (meine Bettnachbarin war schuld) oder durch die starke Aktivität meines Wurms hervorgerufen wurde. Er mochte keine CTGs, schwamm regelmäßig davon, insofern er noch Platz hatte. Ganz sicher war das ein ganz schöner Lärm in der gemütlichen Höhle und zwar so laut wie immer wieder neu einfahrende U-Bahn-Züge.

Zurück zum Fehlalarm: Ich brauchte ein paar Tage, um diesen zu verarbeiten. Schließlich hatte ich mich nach einer Weile doch darauf eingelassen, dass es nun losgeht. Entgegen meines Bauchgefühls. Dass ich die Schmerzen in der linken Nierengegend nicht für Wehen hielt, hatte ich nämlich eigentlich im Gefühl. Wir hatten daher auch unseren Kliniktrolley nicht mitgenommen. Und so hörten die wehenähnlichen Schmerzen einfach am Ende der Ultraschall- und Muttermunduntersuchung auf. Schlagartig. Wahrscheinlich erhielt die linke Niere durch die leichte Umkehrhaltung auf dem Untersuchungsstuhl endlich Entlastung. Zuvor waren wir über eine Stunde am CTG gewesen und die betreuende Hebamme sagte, „So wie Sie sich anhören, kommt ihr Kind bald.“ Naja. Bald ja, aber nicht so bald.

Akupunktur als Auslöser?

Zehn Tage später erhielt ich am Freitag, den 12.01., nachmittags meine zweite geburtsvorbereitende Akupunktur von meiner Beleghebamme. Dieses Mal hatte ich nur zwei Nadeln auf dem Kopf (beim ersten Mal mehrere in den Unterschenkeln), welche die Gebärmutter anregen sollten. Und das taten sie. Schon während der Akupunktur spürte ich ein erstes Ziehen. Am Abend und in der ersten Hälfte der Nacht fühlte es sich an als hätte ich beginnende leichte Regelschmerzen. Mitten in der Nacht kam dann noch während eines Toilettengangs ein handtellergroßer Schleimabgang dazu. Sollte das mein Schleimpfropf gewesen sein, der ein erstes Anzeichen für den Geburtsbeginn sein kann? Mein Kopfkino war sowas von an; ich hatte daher fast gar nicht geschlafen. Am Samstag Morgen berichtete ich Thomas natürlich sofort davon. Er versuchte mich erstmal zu beruhigen und abzuwarten.

Diffus aber spürbar: Wehe(n) es geht los, oder?

Das war gar nicht so einfach, denn meine „Regelschmerzen“ nahmen ab Mittag wieder an Fahrt auf, die Häufigkeit meines Stuhlgangs wuchs ebenso enorm an und es gesellte sich am Nachmittag ein weiterer Schleimabgang zu einem meiner zahlreichen Toilettengänge. Und insgesamt ging es mir auch ohne Kopfkino nicht sonderlich gut. Thomas sagte daher den Besuch unserer Freunde ab. Als er mit seiner Mutti und seiner Schwester telefonierte, erzählte er, dass es mir heute nicht so gut ginge, aber unser Wurm bestimmt noch nicht kommen würde. Und ich lag auf der Couch und dachte mir: „Doch, ich glaube schon, dass es losgeht!“ Unterbewusst war ich mir sogar absolut sicher. Aber um mich vielleicht zu beruhigen, sagte ich das Thomas so direkt noch nicht. Das war jedoch nur eine Frage der Zeit, denn ab 18 Uhr begann ich mich und Thomas zu fragen, ob dieses komische Schmerzgefühl, dass ich mittlerweile hatte und das sich nicht mehr wie Regelschmerzen anfühlte, erste Wehen seien und ob es jetzt wirklich losgeht? Wir waren beide ratlos. In der Theorie ist es so einfach: Zeit messen zwischen den Wehen, also der Abstand zwischen dem Beginn der ersten und der nächsten Wehe. Aber es fühlte sich alles so durcheinander an, also der Schmerzpegel. Irgendwie nicht greifbar. Nur immer unangenehmer.

Von der Schwierigkeit, den Wehenabstand zu messen

Ich entschied gegen halb sieben Baden zu gehen und den unmittelbaren Test zu wagen: Würden die Schmerzen weggehen, waren es keine Wehen, würden sie stärker, sind es Wehen. Thomas begleitete mich ins Bad und bereitete meditative Musik für mich vor. Nachdem ich mich langsam in die Wanne gesetzt hatte, schien sich eine Linderung der diffusen Schmerzen einzustellen. Damit verbunden ertappte ich mich bei dem Gedanken, wie schade ich es fand, dass es wohl offenbar wieder ein Fehlalarm war. Doch als ich kurz nach 19 Uhr beim Abendessen saß, wurden die Schmerzen ganz plötzlich deutlich intensiver.

Um uns abzulenken, begannen wir gegen 19:45 Uhr den Film „Creed“ zu schauen. Ich schaffte es bis Minute 22, um dann zu Thomas zu sagen, dass es mir unmöglich war, sitzen zu bleiben und mich auf was anderes als meine Schmerzen konzentrieren und entsprechend atmen zu können. Thomas hat dann beschlossen, unsere zwei Hunde für alle Fälle zu unserer Hundebetreuung zu bringen. Währenddessen lief ich in unserer Wohnküche auf und ab und erreichte gegen 20:45 Uhr unsere Beleghebamme. Sie empfahl mir zum Einordnen des Wehenabstands, dass Thomas objektiv die Zeit anhand meiner körperlichen Zeichen stoppen solle und wenn wir bei 2-3 Minuten angelangt sind, ins Krankenhaus zu fahren. Letzteres wusste ich in der Theorie auch schon. Den Tipp konnten wir aber irgendwie nicht umsetzen. Außerdem musste ich nun alle 5-10 Minuten auf Toilette. Die Darmschmerzen, die ich beim Stuhlgang hatte, erschwerten zusätzlich das Schätzen des Wehenabstands. Ich befand mich nun zunehmend auf dem Klo und irgendwie wurde mir immer kälter. Unheimlich kalt. So kalt, dass ich zu zittern begann. Zurück im Wohnzimmer vernahm ich eine leises „Peng“. Ich hörte mich zu Thomas sagen, dass wohl meine Fruchtblase geplatzt sein könnte, wenngleich noch keine Flüssigkeit austrat.

Begossener Pudel im Flur wartet auf Mitnahmemöglichkeit

‎Gegen 21:45 Uhr sitze ich mal wieder frierend und schmerzerfüllt auf der Toilette. Ich habe das Gefühl, dass der Wehenabstand sehr gering ist. Beziffern kann ich ihn noch immer nicht genau. Mein Bauchgefühl sagt mir jedoch, dass ich mich unwohl fühle, in diesem Zustand weiter zu Hause zu bleiben. Also entscheiden wir uns, ins Krankenhaus zu fahren und uns daher anzuziehen. Ich bin zu diesem Zeitpunkt was die Schmerzen betrifft schon stark beeinträchtigt. Es braucht eine Weile, bis ich angezogen im Flur stehe als direkt vorm Losgehen der erste Schwall Fruchtwasser kommt und mich wie eingepullert dastehen lässt. Nun war endgültig klar, dass unser Wurm sich auf die Reise gemacht hatte. Mir laufen ein paar Tränen übers Gesicht, weil ich so eingepullert nicht ins Auto steigen möchte. Ich bitte Thomas um eine Vlieswindel, Die ich für die Wochenbettzeit besorgt hatte. Noch ist mir sowas nicht egal. Noch kann es mir also nicht so schlecht gehen. Es fühlte sich aber schon sehr danach an.

20 versus 5 Minuten

Es dauert eine Ewigkeit zum Auto, denn wir wohnen im vierten Stock und ich nehme jede Stufe einzeln. Links am Geländer, rechts an Thomas festhaltend. Und permanent tönend. Thomas schlägt mehrmals vor, einen Krankenwagen zu rufen. Ich lehne das heftig ab. Am Auto angelangt, quäle ich mich auf den Beifahrersitz, auf den Thomas bereits ein Handtuch gelegt hatte. Und er stellt die entscheidende Frage, ob ich es mir zutraue, in unsere Wunschklinik mit Beleghebamme oder ins Chemnitzer Klinikum um die Ecke zu fahren. 20 versus 5 Minuten. Ich will unbedingt nach Mittweida, koste es was es wolle. Thomas rast also nach Mittweida. Während der Fahrt verliere ich immer wieder Fruchtwasser. Meine Augen sind geschlossen. Ich habe das Gefühl, dass mir übel wird. Mir ist auf jeden Fall noch immer furchtbar kalt. Ich stelle nun ganz ohne Druck fest, dass ich Wehen in einem Minutenabstand habe. Das macht mir Angst. Nicht, dass der Wurm gleich kommt.

Ein Zentimeter 😦

Halb elf kommen wir am Krankenhaus Mittweida an und ich merke, dass mir definitiv kotzübel ist. Ich rufe Thomas zu, mir schnell aus dem Auto zu helfen. Er hilft mir aus dem Auto und zum Dank breche ich Thomas mehrmals vor die Füße. Danach geht es mir etwas besser, aber ich friere noch immer tierisch und die Wehen sind auch noch da. Und wie.

Thomas holt schnell einen Rollstuhl vom Empfang und bringt mich in die erste Etage in den Kreißsaal. Dann kommt er dazu, endlich unsere Beleghebamme zu informieren, ins Krankenhaus zu kommen. Die vor Ort tätige Hebamme fragt mich, was ich anziehen möchte und ich antworte nur, dass ich mich zum Entbinden eher Ausziehen werde. Was für eine zumindest für mich zu diesem Zeitpunkt blöde Frage. Sie legt ein mobiles CTG und ich laufe im Kreißsaal umher, auf der Suche nach einer Position, die meine Schmerzen maximalst lindert. Ich werde nicht wirklich fündig. Meine Augen habe ich wie schon im Auto größtenteils geschlossen. Kurz vor elf Uhr kommt unsere Hebamme, ich begrüße sie, indem ich nur kurz meine Augen öffnen und sie anschaue. Nachdem sie sich umgezogen hat, untersucht sie meinen Muttermund. Als unsere Hebamme die Zahl sagte, war meine Enttäuschung riesig: fucking ein Zentimeter! Und trotzdem jetzt schon Wehen im Minutenabstand. Wie lange sollte ich diesen Schmerzpegel noch durchhalten? Ich war desillusioniert, dachte, dass es bei dem geringen Abstand zwischen den Wehen doch gar nicht mehr so lange dauern kann. Ein Zentimeter! Ich hätte jetzt gern das Handtuch geworfen. Auch weil die Wehen immer heftiger wurden.

Zankapfel Flexüle

Und weil das nicht schon genug war, stellte meine Hebamme bei mir Fieber (38,9 Grad) und Schüttelfrost fest. Deswegen war mir also so verdammt kalt. Meine Hebamme teilte mir mit, dass ich eine Flexüle gelegt und Penicillin als Antibiotikum bekommen müsste. Das Thema Flexüle war für mich ein Zankapfel. Da ich wie viele Frauen B-Streptokokken habe, wird eine intravenöse Antibiose unter der Geburt empfohlen. Das wollte ich nicht, da ich nicht zuletzt im Krankenhaus während meiner Gallenblasenentzündung gespürt habe, wie beeinträchtigend und störend Flexülen sein können. Ich wollte partout nicht bei meinen Bewegungen die Flexüle spüren und dadurch aus meinem Flow gerissen werden. Außerdem sollte der Wurm nicht schon während seiner Geburt Antibiotikum erhalten. Stattdessen hatten wir eine zweitägige Sauerstoffsättigungsüberwachung im Krankenhaus anvisiert. Naja. Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Nun bekam ich also eine Flexüle vom Arzt. Für das Setzen der Flexüle ruhig zu halten, fiel mir sehr schwer. Denn ich befand mich bereits im Hackebeil-Stadium: Die Wehen fühlten sich an, als ob jemand immer wieder ein Hackebeil in meinen unteren Rücken zimmerte.

Die letzte Hoffnung

Ich muss wieder Brechen. Dieses Mal vor die Füße meiner Hebamme, die noch rechtzeitig nach hinten springend einem größeren Malheur ausweichen kann. Die Schmerzen zerreißen mich. Ich bitte um Schmerzmittel, welches ich nach dem Antibiotikum erhalte. Kurz nach Mitternacht bis circa um eins tropft das Schmerzmittel in meine Vene und ich erfahre etwas Linderung. Die Wehen sind nun aushaltbar. Mir ist es sogar möglich mitzubekommen, dass die Wehen immer so sieben Mal andauern bis zur Wehen“pause“.
Als das Schmerzmittel durchgelaufen war, erwischte es mich eiskalt, denn ohne Vorwarnung war der Wehenschmerz schlagartig wieder im Hackebeil-Modus. In die Badewanne durfte ich zur Linderung leider aufgrund meines Fiebers nicht, daher fragte ich um halb zwei nochmal nach Schmerzmittel. Meine Hebamme bejahte den Wunsch, allerdings müsste eine gewisse Pause zwischen den Schmerzmittelgaben berücksichtigt werden: 90 Minuten! Bis um drei müsste ich also aushalten… Lieber wollte ich sterben. Es war für mich unvorstellbar diesen Schmerz auch nur annähernd so lang aushalten zu müssen. Ich saß schmerzerfüllt auf dem Klo. Die Tür war offen. Thomas saß auf dem Badewannenrand. Ich konnte nicht mehr. Es blieb mir nichts anderes übrig, ich ergab mich und tat, was ich nie tun wollte: Ich bat um eine PDA. Oh Gott, dachte ich, was machst du nur. Ich sah mich schon betäubt ohne Gefühl und Power für die Presswehen im Op-Saal. Ich akzeptierte die mögliche Folge Kaiserschnitt in meinem Worst-Case-Szenario. Und dennoch hielt ich meinen „Wunsch“ aufrecht, wohl viel treffender: meine letzte Hoffnung. Ich verabschiedete mich innerlich von einer spontanen Geburt. Und war super enttäuscht von mir. Diese Vorwürfe waren nicht sonderlich förderlich für mich, das war mir bewusst. Es war in der Praxis aber wie so oft schwer, mich von meinem Idealablauf zu verabschieden.

Ankunft in meiner Geburtskäseglocke

Meine Hebamme wies mich ruhig darauf hin, dass bis zur gelegten PDA voraussichtlich eine Stunde vergehen würde. Das hatte ich befürchtet. So oder so hieß es also für mich: Noch 60 oder 90 Minuten bis zur Linderung. Ich hatte also keine Wahl, ich musste da durch. In meinem Fokus war damit nicht mehr, wann ich Linderung erfahren werde, sondern von Wehe zu Wehe kommen. Ich erinnerte mich an meinen Yoga-Kurs. Jede Wehe bringt dich deinem Kind näher, hatte die Kursleiterin uns immer wieder mantraartig in Erinnerung gerufen. Visualisiert hatte sie das durch ein liebevoll gemaltes Bild: Einen Berg, um den sich ein Weg voller Wehen und Wehenpausen (gekennzeichnet durch Bänke) schlängelte. Am Fuß des Bergs befand sich ein (Fruchtwasser-)see. Der Berggipfel war von rosa Wolken umhangen: Der sensible hormonell mit dem Höhepunkt beim Sex vergleichbare Bereich, in den die Wehen münden. Das begann ich mir innerlich immer wieder in Erinnerung zu rufen. Wehe für Wehe, nichts anderes zählte.

So habe ich es vermutlich in den Bereich geschafft, in dem ich mich den Wehen hingegeben konnte, mich habe treiben lassen von meinem körperlichen Rhythmus. Ich fand mich in einer geburtsvorbereitenden Position wieder, die ich so vorher nicht mit Thomas im Geburtsvorbereitungskurs „geübt“ hatte: Quer mit den Armen über das Bett hängend, festgehalten im Artistengriff von Thomas in der Hocke, den Kopf auf der Bettkante. Nach jeder Wehe zog ich mich an der Bettkante hoch und legte entweder meinen Oberkörper auf das Bett ab oder versuchte im Stehen die Hüften zu kreisen. Ich dachte nicht mehr an ein Schmerzmittel oder an eine heilbringende PDA. Ich konnte an gar nichts denken. Ich war meinen Wehen vollkommen ergeben, ich hatte alles losgelassen, ich atmete von einer zur nächsten Wehe. Ich war endlich in meinem Geburtsrhytmus, meinem Geburtsflow, in meiner Geburtskäseglocke angekommen. Und ich wusste, nichts würde uns stören: Kein Schichtwechsel, kein Kinderarzt, keine noch zu tätigenden Absprachen. Ich war so froh, dass wir eine Beleghebamme ergattern konnten, die wusste, was ich wollte und was nicht.

Mein Mann, meine emotionale Stütze

Und Thomas? Den schien nichts abzuschrecken: Brechend kannte er mich ja bereits vor der Geburt, auf dem Klo kauernd sowie den Urin und einige Tropfen Blut die Beine herablaufend nun auch. Vom lauten Schreien, Tönen und Atmen mal abgesehen. Als das Köpfchen – oder vielmehr die Haarpracht, wie meine Hebamme freudig verkündete – zu sehen war, schaute Thomas nach, obwohl er mir eigentlich nicht zwischen die Beine blicken wollte. Ich wollte das unserem Geburtsplan gemäß eigentlich auch nicht. Als die Plazenta kam und die Hebamme sie erläuterte, sah sich Thomas diese interessiert an. Auch das wollte er im Vorfeld eigentlich nicht sehen. Beides empfand er entgegen seiner Annahme aber dann doch nicht als eklig.
Viel wichtiger aber war, dass ich mit Thomas meine emotionale Stütze hatte, mit der ich nur noch in Ein-Wort-Sätzen oder besser Imperativen kommunizierte: Trinken, Hand, Bein – das war das wichtigste Befehlstrio. Trinken ist klar, Hand für Hände halten während der Wehen und Bein fürs Halten in der Seitenlage. Thomas sagte mir immer wieder, wie unglaublich toll ich das machen würde. Und dass ich wunderschön aussehen würde. Ich glaubte ihm das, wenngleich ich es mir nicht vorstellen konnte und spürte wie Glückshormone durch meinen Körper schossen und mir einen Kick gaben. Thomas war mein Anker, der mir im Krankenhaus keine Sekunde von der Seite gewichen ist (acht Stunden ohne Toilette hätte ich nicht geschafft). An seinen Händen konnte ich mich festhalten und dabei unsere gemeinsame Kraft und Verbundenheit spüren. Sobald die Wehen wieder begannen und ich nach dem Hand-Ruf nicht unmittelbar, sondern zwei-drei Sekunden verzögert seine Hände bekam, wurde ich schon ganz panisch. Es ging nicht ohne, auf keinen Fall. Als ich die Lokomotiv-Atmung anwendete, drückte er in meinem Atemtempo unsere Hände zusammen und spiegelte mir damit meinen Rhythmus und gab ihm noch mehr Betonung und damit Stärke. Ich habe mich für nichts in Thomas‘ Beisein geschämt, ich konnte mich so intensiv fallen lassen, gerade weil er an meiner Seite war.

Der Schlüssel: Die richtige Atmung

Und ich hatte meine fachliche Stütze an meiner Seite und vertraute auf sie. Meine Hebamme gab mir dezent wohlwollende Hinweise (beispielsweise beim Hocken zur weiteren Öffnung zu versuchen, die Fersen auf den Boden abzusetzen) und ließ mich ansonsten mein Ding machen. Sie hat nicht ein Mal etwas Negatives gesagt, mich nicht wegen meiner Lautstärke gemaßregelt. Wenn ich etwas ablehnte (beispielsweise fühlte ich mich in der Wehenpause nicht immer danach, meine Hüften zu kreisen oder statt des vorgeschlagenen Hechelns wandte ich die im Yoga-Kurs gelernte Lokomotiv-Atmung an), dann zwang sie es mir nicht auf, sie nahm es unbeleidigt an. ‎Von entscheidender Hilfe war aber ihre Anleitung meiner Atmung. Statt aus dem Kehlkopf zu schreien bzw. zu tönen versuchte sie mich dafür zu gewinnen, die Wehen wegzupusten. Das klang für mich erst ziemlich komisch, zumal ich das Tönen im Schwangerenyoga-Kurs nicht nur geübt, sondern es zu Hause gern und viel zur Beruhigung und Kontaktaufnahme mit meinem Wurm angewendet hatte. Aber ich probierte das Wegpusten und es fühlte sich für mich und meinem Wurm überraschenderweise spürbar besser an. Ich glaube, das war entscheidend, um in meinen Geburtsflow zu gelangen, denn diese Atmung half mir, die Schmerzen auszuhalten.

Körpergefühl

Als dritte Stütze im Bund hatte ich meinen Körper und die damit verbundene Intuition. So setzte ich nicht alle Vorschläge um bzw. konnte sie zeitweise nicht anwenden, weil ich mich nicht danach fühlte. Und dann machte ich, wonach mir war, wozu ich mich in der Lage fühlte. Das war auch wirklich wichtig, denn mein Körper hatte nicht viel Zeit zur Erholung, nicht mal eine Minute und das über acht Stunden lang. Das war eine zusätzliche kräftezehrende Belastung. Meine Hebamme hatte mir dann auch von mir fast unbemerkt, aber natürlich mit Ankündigung, neben weiterem Schmerzmittel nach um drei Uhr auch Glukose gegeben. Das hatte mir nochmal richtig Kraft gegeben für den Schlussspurt. Zumindest attestierten mir das Thomas und meine Hebamme. Die Wirkung des Schmerzmittels war zu diesem Zeitpunkt nur noch ein Tropfen auf den heißen Stein, aber das war mir ja inzwischen egal.

Die Kotmelone kommt

Mittlerweile hatte sich ein neues Gefühl zu meinen Hackebeil-Schmerzen gesellt: Das Gefühl, eine Melone auskacken zu müssen. Der Druck auf dem Damm war enorm, aber ich wusste auch, dass das ein gutes Zeichen war, dass es vorwärts ging. Meine Yoga-Lehrerin hatte uns auf dieses Gefühl vorbereitet. Meine Hebamme bat mich zu diesem sich dem Ende der Geburt nahenden Schmerzen für die Wendung des Babys in die Seitenlage zu wechseln. Als sie mir sagte, dass ich ruhig mal nach dem haarigen Köpfchen tasten könnte und ich es tat, versetzte mir das einen riesigen Motivationsschub. Unser Wurm war zum Greifen nahe! Aber es dauerte noch bis zu den Presswehen. Ich wechselte noch mal in die Hocke an der Bettkante, um dann final in den Vierfüßlerstand, mit dem Oberkörper hängend auf dem hochgestellten Kopfteil, zu gehen. Ich hatte auch in dieser Position Thomas‘ Hände fest umschlossen. Ich begann nun zu pressen: Luft anhalten und alle Kraft nach unten zum Baby. Ich spürte, wie es weiter rutschte. Bis zu einem bestimmten Punkt. Von Wehenpause zu Wehenpause brannte und zwiebelte es immer stärker. Ich glaube, mit der vierten Presswehe (vielleicht war es die insgesamt siebte oder achte Presswehen seit Ausbleiben der Vorwärtsbewegung überwand unser Baby den Punkt und ich spürte, wie es aus mir heraus rutschte und mit ihm der Kotmelonendruck und die Schmerzen. Ich machte die Augen auf und sah in Thomas‘ schwitzende Augen. Wir hielten unsere Hände ganz fest umschlossen.

Paargefühl statt Zeitgefühl

Alles Körperliche war nun nicht mehr vorhanden, stattdessen spürte ich, dass bei mir was Anderes angeknipst war: Ich drehte meinen Kopf hinter mich und sah ein haariges Bündel und rief, dass ich endlich meinen Sohn haben will. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis ich mich umdrehen konnte und mir die Hebamme unseren Wurm auf meinen Bauch legte. Thomas war bereits an meiner linken Seite und sah überglücklich und gerührt zugleich aus. Wir küssten uns und blickten auf unseren Sohn, der nun endlich da war. Ich konnte es noch gar nicht glauben und Thomas sagte, dass ich es wunderbar gemacht habe. Wir waren zu dritt und blieben zwei Stunden im Kreißsaal. Es fühlte sich an wie Minuten.

Seit halb zwei hatte ich nicht mehr auf die Uhr geschaut, ich war ja in meinem Geburtsflow. Ich hatte also kein Zeitgefühl und durch die kurzen Wehenpausen nicht nur körperlich, sondern auch mental nicht die Möglichkeit, abzuschalten, geschweige denn einzuschlafen – was ich nur zu gern gemacht hätte, aber wenn ich mich diesem Impuls hingeben wollte, war die „Pause“ wieder vorbei.
Unser Wurm erblickte um 05:05 Uhr das Licht der Welt. Ich hatte dreieinhalb Stunden vorher nicht gewusst, wie ich die Schmerzen ertragen soll, die ja letztlich von der Intensität immer stärker wurden. Durch das Atmen habe ich meine Kraft gezielt mobilisieren können und es dadurch geschafft, unseren Wurm doch noch auf natürlichem Weg gebären zu können. Das ist ein großes Geschenk für mich, dass ich sehr schätze. Für uns als Paar war die Geburt ein unvergesslicher Moment. Wir beide hatten unsere jeweiligen Aufgaben in einem perfekten Zusammenspiel gemeistert.

Der Oberarzt aus dem Chemnitzer Klinikum tippte übrigens bei seinem letzten Kontrollultraschall kurz vor Weihnachten auf ein Geburtsgewicht von 3.800 Gramm. Mit seiner Schätzung sollte er ziemlich gut liegen: 3715 Gramm wog unser Wurm zur Geburt.

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