Es geht los: Vom Loslassen vor der Geburt

Seit der ungefähr 35. Schwangerschaftswoche überkommt mich nun immer mal wieder ein unbekanntes Gefühl. Meistens vereinnahmt es mich abends im Bett: Ich habe dann das Gefühl, dass ich Weinen müsste oder möchte (?), tue es auch, aber bisher „nur“ innerlich. Dieses Gefühl ist ganz tief in mir und erfasst mich dennoch komplett. Es sind vielleicht Ängste oder vielmehr sowas wie Respekt vor der nahenden mir noch gänzlich unbekannten Verantwortung. Oder sogar Ehrfurcht, also eine gesteigerte Form von Respekt. Zumal Ehrfurcht auch das Wort „Furcht“ enthält, wobei es sich um eine konkrete Realangst vor der neuen Verantwortung handelt.

Ehrfurchtgebietende Verantwortlichkeit

Die 37. Schwangerschaftswoche und somit auch der Frühchen-Status sind fast beendet. Wir sind unsagbar froh, es trotz Gallenkolik und Gallensteinen soweit geschafft zu haben. Ich beschäftige mich immer mehr mit dem Gedanken, dass es abgesehen von all meinen körperlichen Querelen mit dem Baby im Bauch bisher ziemlich einfach ist. Trotz großer Murmel gelingt es mir immer mal wieder vom Schwangersein abzuschalten, wenngleich das immer seltener wird. Sobald aber unser Wurm das Licht der Welt erblickt hat, wird er 24 Stunden non stop da sein und seine Bedürfnisse kommunzieren, die eine unmittelbare Reaktion bedingen. Damit geht für mich eine „ehrfurchtgebietende Verantwortlichkeit“1 einher, denn unser und jedes anderes Baby ist komplett von seinen Bezugspersonen abhängig, vor allem körperlich und sozial. Die Grundbedürfnisse des Babys dürfen dann nicht mal eben in zweiter Reihe geparkt oder hinten angestellt werden.

Aufmerksame Reaktionen“ statt Ängste

Sicher habe ich Angst davor, nicht sofort die richtige Lösung parat zu haben. Aber das muss ich auch gar nicht. Und außerdem sind diese Ängste positiv. Das heißt, dass positive Ängste in Bezug auf das eigene Baby immens funktional sind, da man auf sie in der Regel adäquat bzw. gut genug2 reagiert. Die Besorgnis als Verbündeter sichert letztlich das Überleben des Babys.3 Nicht schwerwiegende fehlerhafte oder falsche Reaktionen können zudem wiedergutgemacht werden, was eine wichtige Lernerfahrung für das Baby für das weitere soziale Zusammenleben mit Menschen darstellt.4 Aufgrund der überwiegend negativen Konnotation, schlägt Daniel Stern daher auch zu Recht vor, statt von Ängsten einer Mutter konstruktiv von „aufmerksamen Reaktionen“5 zu sprechen.

Ich will gebären!“

Trotz des ehrfürchtigen Gefühls vor meiner neuen Verantwortung als Mutter wächst in mir immer stärker auch das Gefühl, dass das imaginierte Baby bereits vor der Geburt vom realen Baby abgelöst wurde. Ein Prozess, der wichtig ist auf dem Weg der Vorbereitung auf die Geburt. Immer mehr spüre ich, dass unser Wurm körperlich eigenständiger wird, womit ich meine, dass es sich für mich mittlerweile so anfühlt, ein zweites Individuum in mir zu tragen, welches zwar mit mir verbunden ist, sich aber zunehmend physisch von mir als Mutter löst. Daher möchte ich auch loslassen, ich möchte das Baby freigeben, ich will es endlich gebären. Es soll eins mit sich selbst werden und dennoch eins mit mir und Thomas sein. Aber nicht mehr in meinem Bauch, den ich so langsam auch wieder für mich selbst haben möchte. Alsbald wird sich das Zentrum des Geschehens nach oben auf meine Brüste verlagern. Dieses Tauschgeschäft möchte ich gern eingehen 😉

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Vorbereitung aufs Loslassen

Neben meinen wertvollen Gedanken, die ich nicht wirklich steuern kann, bereite ich mich parallel dazu auch bewusst auf die Geburt vor, indem ich viel versuche zu entspannen. Ich gönne mir kurze Bäder (Kinderbadetemperatur!) in Kerzenschein mit Koshi-Musik, Heublumenbäder mit anschließender kurzer Dammmassage, Klangreisen (in Chemnitz in der Salzgrotte), Schwangerschafts- und Schachtelhalmkrauttee, Leistenkreisen auf meinem Pezzi-Ball sowie Leistenöffnen auf einem tiefen Hocker, ich töne, sage Mantras auf und lese unserem Wurm immer mal wieder die gleiche Gute-Nacht-Geschichte vor.

Darüber hinaus entspannt es mich ungemein, dass wir alle wichtigen Anschaffungen – dem Nestbautrieb sei Dank – bereits erledigt haben. Die meisten Formalitäten haben wir auch weitgehend vorbereitet (Kindergeld- und Elterngeldantrag, Behandlungsverträge mit Beleg- und Wochenbetthebamme und Krankenhaus, Entscheidungen zu den zahlreichen Vorsorgeuntersuchungen nach der Geburt, Kinderarztwahl etc.), die Kliniktasche ist gepackt, einen Bauchgipsabdruck sowie ein schönes Bauchfotoshooting haben wir als Erinnerung auch noch geschafft. Darüberhinaus habe ich im Krankenhaus eine Bekanntschaft gemacht, welche bereits ihren Sohn bekommen hat. Wir tauschen uns viel aus und ich beobachte sie aufmerksam im Umgang mit ihrem Baby. All das zusammen hilft mir dabei, dass ich mich immer mehr im Zustand des freudigen Erwartens befinde. Ich rechne nun quasi sekündlich damit, dass es losgeht, ohne aber permanent in mich reinzuspüren.

 

 

Kinder-Überraschungsei

Mein freudiges Erwarten lässt sich mit etwas Fantasie mit einem Überraschungsei verdeutlichen:

  1. Ich freue mich immens auf die unheimlich leckere Schokoladenhülle. Genauso freue ich mich auf meine Geburt. Die Schokolade ist natürlich nicht nur gefühlt sondern auch faktisch schneller vertilgt, als die Geburt beendet sein wird. Da bin ich mal ganz realistisch 😉

  2. Ich bin gespannt auf den Inhalt des Ei’s. Was wird drin sein? Wie wird es aussehen? Noch gespannter bin ich auf den „Inhalt“ meines Bauches.

  3. Meistens handelt es sich bei dem Inhalt des Ei’s um etwas, das zusammengebaut werden muss. Mein Baby kommt zwar ohne Bauanleitung, aber verstehen muss ich es genau wie den Ei-Inhalt, um es sinnhaft „zusammenbauen“ zu können.

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1Stern, Daniel N., Bruschweiler-Stern, Nadia, Geburt einer Mutter. Die Erfahrung, die das Leben einer Frau für immer verändert, Frankfurt a. M. 2016, 5. Aufl., S. 103.

2Vgl. ebd., S. 120.

3Vgl. ebd., S. 114.

4Ebd.

5Ebd., S. 112.

4 Kommentare zu „Es geht los: Vom Loslassen vor der Geburt

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  1. Sich für die Geburt bereit zu fühlen ist die beste Voraussetzung; auch wenn man letztendlich nicht genau weiß, was einen erwartet. Ich habe mich auch mit Meditation und Mantras auf die Geburt meines Sohnes vorbereitet.

    Dir alles Gute für dieses bevorstehende Ereignis!

    Julia

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  2. Sich für die Geburt bereits zu fühlen ist die beste Voraussetzung; auch wenn man nicht genau weiß, was da auch einen zukommt. Ich habe mich auch mit Meditation und Mantras auf die Geburt meines Sohnes vorbereitet.

    Alles Gute für dieses schöne bevorstehende Ereignis!

    Julia

    Gefällt mir

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